Gedenken mit kritischem Blick: Spaziergang am Sowjetischen Ehrenmal in Treptow

Teilnehmer des Spaziergangs am Sowjetischen Ehrenmal
Foto: Lennart Rothe

Das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park ist mehr als ein Denkmal – es ist auch der Friedhof von rund 7.200 sowjetischen Soldat*innen, die im Kampf gegen den deutschen Faschismus starben. Ihre Namen werden nirgends genannt. Mitte September 2026 – kurz vor dem Jahrestag des sowjetischen Einmarsches in Polen am 17. September 1939 – luden wir gemeinsam mit Catrin Wahlen (MdA) zu einem Spaziergang zur Erinnerungsarbeit ein. Mit dabei waren u. a. Stefka Ammon, jetzt Vorsitzende unserer neu gewählten Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV), und Katharina Wegner von Memorial Deutschland e. V.

Die sowjetische Besetzung Polens war am Vorabend des Beginns des 2. Weltkrieges im Hitler-Stalin-Pakt vereinbart worden und folgte keine drei Wochen nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September. Das Land und der gesamte Landstrich zwischen Ostsee und Schwarzem Meer wurde zwischen zwei Gewaltherrschaften aufgeteilt. Was folgte, war mit dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion ab Juni 1941 unermessliches Leid der Bevölkerung all dieser Länder durch brutale Vertreibungen, Zerstörungen und massenhafte Ermordungen.

Erinnerungspolitik kritisch begleiten und in historischen Kontext stellen

Mit dieser Besetzung Polens und des Baltikums trat die Sowjetunion bereits 1939 in den Zweiten Weltkrieg ein – und nicht erst zwei Jahre später, wie am Eingangsportal zum Sowjetischen Ehrenmal verkündet wird. Polen hat das nie vergessen. Obwohl er im Geschichtsunterricht der DDR verschwiegen wurde, erwähnt ein vergoldetes Stalin-Zitat den Nichtangriffspakt am selben Ort. Man sieht: Erinnerungspolitik hat viele Gesichter. Wichtig ist ihre kritische Begleitung und historische Kontextualisierung.

Geschichte und Erinnerung aus persönlicher biografischer Sicht

Die Abgeordnete Catrin Wahlen ist selbst in Finnland aufgewachsen und kennt die imperialistische Machtpolitik von Nazi-Deutschland und der Sowjetunion aus der Geschichte ihrer eigenen Familie. Finnland wird am Ehrenmal als eine der Sowjetrepubliken mitgezählt, die im zweiten Weltkrieg von den Soldatinnen und Soldaten der Sowjetunion befreit wurde. Tatsächlich wurde Finnland im Winterkrieg 1939/40 von der Sowjetunion angegriffen, die Teile des Landes besetzte, ohne es jedoch dauerhauft zu annektieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet Finnland unter starken sowjetischen Einfluss, blieb aber ein unabhängiger Staat.

Anders war es bei den Ländern im Baltikum. Stefka Ammon berichtete, wie ihre Großeltern als litauische Staatsbürger ab 1939 die sowjetische Einflussnahme und dann Annexion erlebt haben: gewaltsame Verstaatlichungen, Terror durch den Geheimdienst NKWD, Verschleppungen bis zu massenhaften Deportationen. Da sie der kleinen deutschen Minderheit Litauens angehörten, wurde ihre gesamte Großfamilie im Frühjahr 1941 im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes umgesiedelt, fand sich im besetzten Polen wieder und wurde dort als sogenannte Volksdeutsche im „Warthegau“ eingebürgert.

Heute müssen wir uns die Schicksale der damaligen Menschen neu bewusst machen, um ihrer angemessen gedenken zu können. Alexander Kliymuk, Historiker und Pädagoge, zeigte dafür Beispiele aus der Bildungsarbeit des polnischen Pilecki-Forschungsinstituts, das eindrucksvoll die Multiperspektivität von Geschichte und die Plastizität unserer Erinnerungen vermittelt.

Die Perspektive Finnlands auf die Geschichte konnte Catrin Wahlen beim Spaziergang am Sowjetischen Ehrenmal einbringen.
Foto: Lennart Rothe | Die Perspektive Finnlands auf die Geschichte konnte Catrin Wahlen beim Spaziergang am Sowjetischen Ehrenmal einbringen.

Auch die Bürgerrechtler*innen von Memorial Deutschland setzen sich dafür ein. In ihrer Führung über das Ehrenmal zeigte Katharina Wegner, warum es Memorial wichtig ist, der hier bestatteten 7.200 Soldatinnen und Soldaten zu gedenken, ihre Gräber zu schützen und an ihre persönlichen Biografien zu erinnern. Darunter sind auch viele ukrainische Kriegsopfer.

Antrag zum historischen Erbe in der BVV beschlossen

Am Jahrestag der sowjetischen Besetzung Polens wurde in diesem Jahr in der BVV Treptow-Köpenick über die Gedenkkultur des Sowjetischen Ehrenmals diskutiert. Bündnis 90/Die Grünen und SPD forderten in einem Antrag, sie neu zu denken. Auch deshalb hatten wir mit Catrin Wahlen in derselben Woche zu dem Spaziergang zur Erinnerungsarbeit eingeladen. Der Antrag wurde in der Sitzung am 17. September 2026 von der BVV beschlossen und ist hier auf der Website der BVV nachzulesen. Wir als Bündnis 90/Die Grünen werden uns weiter mit dem historischen Erbe beschäftigen.

Fraktion im Bezirk nimmt ihre …
„Jeder Mensch hat einen Namen“…